Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am Mittwoch davor gewarnt, dass der Konflikt im Nahen Osten die globalen Wirtschaftswachstumsaussichten untergräbt. Die schwerwiegenderen Konsequenzen könnten auch in Betracht gezogen werden, wenn die Parteien vor 2027 keinen wirksamen Waffenstillstand erzielen.

Langfristiges Risiko

Das weltweite Wirtschaftswachstum schwäche sich von 3,4 Prozent im vergangenen Jahr auf 2,8 Prozent im laufenden Jahr ab, prognostizierte die OECD. Für 2027 erwartet die Organisation wieder einen Anstieg auf 3,1 Prozent. Sollte sich der Konflikt bis ins Jahr 2027 hinziehen, könnte das globale Wirtschaftswachstum sogar noch weiter sinken, auf nur noch 2,1 Prozent. Diese Wachstumsrate ist deutlich niedriger als der Durchschnitt von 3,4 Prozent im Zeitraum 2013-2019 vor der COVID-19-Pandemie.

Die OECD wies außerdem darauf hin, dass anhaltend hohe Preise für Energie, Düngemittel und Erdölprodukte einen erheblichen Druck auf die Entwicklungsländer ausüben würden, wo die Ausgaben für Energie und Nahrungsmittel einen großen Teil des Haushaltsverbrauchs ausmachen. Für die USA sagt die OECD für das laufende Jahr ein Wachstum von rund zwei Prozent voraus, das sich 2027 auf 1,8 Prozent abschwächt. Für 2026 prognostiziert die Organisation ein BIP-Wachstum der Eurozone von 0,8 Prozent, niedriger als die Wachstumsrate von 1,4 Prozent im Jahr 2025.

Laut Stefano Scarpetta, Chefökonom der OECD, wäre ein langwieriger Konflikt im Nahen Osten besonders nachteilig für die asiatischen Volkswirtschaften.

„Die asiatischen Volkswirtschaften werden stark betroffen sein, insbesondere bei einem Szenario mit langanhaltender Störung. Im Wesentlichen sind die asiatischen Volkswirtschaften stärker von Energieprodukten aus der Golfregion abhängig. Man kann sehen, dass sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Dies ist der Unterschied im Vergleich zu einem Szenario mit zeitlich begrenzter Störung.“

Im schlimmsten Szenario schätzt die OECD, dass der energiebetriebene Preisdruck die weltweite Inflation in diesem Jahr um 0,4 Prozentpunkte und bis 2027 um 1,3 Prozentpunkte anheben wird.

Technologie als Stütze

Die OECD betont zwar die Unvorhersehbarkeit des Nahostkonflikts und seine langfristigen Auswirkungen auf die globalen Wirtschaftsaussichten, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass es noch „Anker“ gibt, die der Weltwirtschaft zu einer baldigen Erholung verhelfen könnten. Einer dieser Faktoren ist der Investitionsfluss in Technologie, insbesondere in künstliche Intelligenz. Laut OECD-Chefökonom, Stefano Scarpetta, bleibt dies trotz der Sorge um eine „KI-Blase“ ein entscheidender Wachstumstreiber.

„Wenn man die Investitionspläne der großen KI-Unternehmen für die Jahre 2026 und 2027 betrachtet, kann man erkennen, dass sich diese Wachstumszahlen im Vergleich zu 2025 nahezu verdoppeln werden. Dies sind substanzielle Investitionen in künstliche Intelligenz. Es bestehen viele Unsicherheiten, aber das Gewinnpotenzial ist enorm.“

Shantanu Mukherjee, Direktor der Abteilung für Wirtschafts- und Politikanalyse im UN-Department für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten (DESA), erklärt:

„Trotz düsterer Aussichten, gibt es bestimmte Bereiche, in denen internationale Zusammenarbeit etwas bewirken kann: Die Länder stehen vor neuen Impulsen, um Resilienz auzubauen. Dies könnte durch Investitionen in erneuerbare Energien und Energieeffizienz, wirtschaftliche Diversifizierung oder eine verbesserte Ressourcenmobilisierung und -nutzung erreicht werden. Dies sind alles gemeinsame Prioritäten, die das internationale System und die UNO unterstützen können.“

Nach Ansicht von UN-Experten liegt die erste Priorität vieler Volkswirtschaften, die vom langwierigen Konflikt im Nahen Osten betroffen sind, in der Bekämpfung der Inflation. Weil es sich da um ein schneller wirkendes, direkteres Problem handelt. Und viele Haushalte, insbesondere in Entwicklungsländern, sind zunehmend stärker von Preisschocks betroffen, die durch steigende Energiepreise und Unterbrechungen der Lieferkette verursacht werden.