Mit mehr als 3.260 Kilometern Küste und einer ausschließlichen Wirtschaftszone von über einer Million Quadratkilometern verfügt Vietnam über ein großes Potenzial an Offshore-Windkraft. Der Ausbau soll die Energieversorgung diversifizieren, die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen verringern und die Energiesicherheit stärken. Nach dem angepassten Energieentwicklungsplan sollen zwischen 2030 und 2035 Anlagen mit 6 bis 17 GW Leistung in Betrieb gehen. Der stellvertretende Industrieminister Nguyen Hoang Long erklärt:

„Offshore-Windkraftprojekte sind Großprojekte. Unser Ziel ist nicht nur die Stromerzeugung, sondern Schritt für Schritt eine industrielle und technische Dienstleistungskette aufzubauen, die Hunderttausende Arbeitsplätze schafft, Einnahmen erhöht und die industrielle Leistungsfähigkeit des Landes stärkt. Langfristig sollte Vietnam zu einem Zentrum der Offshore-Windindustrie und bezüglicher Dienstleistungen in der Region und weltweit werden.“

Vietnam betrachtet Offshore-Windkraft daher nicht nur als neue saubere Energiequelle, sondern auch als Chance für die Entwicklung von Industrie und hochwertigen technischen Dienstleistungen. Das Unternehmen für technische Dienstleistungen des staatlichen vietnamesischen Industrie- und Energiekonzerns Petrovietnam (PTSC) hat bereits 33 große Windkraft-Fundamente exportiert und war an 10 Offshore-Umspannwerken mit einer Gesamtleistung von rund 6 GW beteiligt. PTSC-Handelsleiter Nguyen Tuan sagt:

„Allein ein Projekt für Offshore-Windkraft-Fundamente brachte Exporterlöse von 300 bis 400 Millionen US-Dollar und schuf innerhalb von 3 Jahren Arbeitsplätze für fast 3.000 Menschen in rund 100 vietnamesischen Unternehmen. Ein solcher Auftrag bringt Beschäftigung, Einnahmen und Devisen und stärkt zugleich die Eigenständigkeit. Ohne eine eigene Offshore-Windindustrie könnte Vietnam seine Ziele von 16 bis 17 GW bis 2035 nicht eigenständig erreichen.“

Experten sehen derzeit eine historische Chance für Vietnam. Der Wissenschaftler Du Van Toan vom Institut für Meteorologie, Hydrologie, Umwelt und Meereswissenschaften betont:

„Offshore-Windkraft eröffnet nicht nur Chancen für große Produktions- und Lieferketten, sondern auch erhebliche Investitionsmöglichkeiten für die Küstenregionen. Vietnam hat 21 Küstenprovinzen und -städte, von denen die meisten gute Voraussetzungen für Offshore-Windkraft haben. Bei einem Standard-Windpark mit 500 MW können sich die Gesamtinvestitionen auf fast zwei Milliarden US-Dollar belaufen. Wenn jede Küstenregion schrittweise solche Projekte entwickelt, wird ein sehr großes Investitionsvolumen mobilisiert. Dies schafft Wachstum für die Regionen und trägt zum zweistelligen Wirtschaftswachstum des Landes bei.“

Vietnam hat bereits Untersuchungen für Offshore-Windprojekte im Norden und Süden eingeleitet. Auch Unternehmen und Investoren aus Dänemark, den USA und Japan erhielten Genehmigungen für Meereserkundungen mit einer Gesamtkapazität von rund zehn GW. Um das Potenzial auszuschöpfen, müsse Vietnam jedoch rasch den rechtlichen Rahmen vervollständigen, so Du Van Toan weiter:

„Wichtige Gesetze müssen geändert werden, darunter das Elektrizitätsgesetz und das Gesetz über Meeres- und Inselressourcen und Umwelt. Es braucht klare Regelungen zur Meeresraumplanung, Genehmigung, Umweltprüfung sowie zur Nutzung und Pacht von Meeresflächen und Meeresboden. Zudem müssen die Genehmigungsverfahren für Stromprojekte ergänzt und Flächen für Umspannwerke und Leitungen an Land geplant werden, um eine synchronisierte Netzinfrastruktur sicherzustellen.“

Welches Land frühzeitig eine heimische Lieferkette für Offshore-Windkraft aufbaut, kann sich wichtige Vorteile bei grünen Technologien und in der Energiewirtschaft sichern. Offshore-Windkraft könnte damit zu einem zentralen Motor werden, um Vietnams Ziel einer starken Meeresnation zu verwirklichen.