Der diesjährige NATO-Gipfel markiert das erste hochrangige Treffen der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer des Bündnisses seit Ausbruch des Nahost-Konflikts im Februar 2026. Der Konflikt zeigt tiefe Risse zwischen den USA und den wichtigen NATO-Verbündeten.
Washington beschwichtigen
Im Vorfeld des diesjährigen Gipfels übten hochrangige US-Vertreter wiederholt Kritik an den NATO-Verbündeten. Erstens ist ihre Weigerung, die USA im Konflikt mit dem Iran zu unterstützen. Dann kommen der schleppende Anstieg der Verteidigungsausgaben der Mitgliedstaaten und die Vorwürfe, dass das Bündnis die Einsatzbereitschaft vernachlässige, indem es zu großen Wert auf Fragen der Geschlechtergleichstellung lege. US-Kriegsminister Pete Hegseth nannte die NATO „Papiertiger“. Unterdessen bezeichnete US-Präsident Donald Trump das Verhältnis zwischen den USA und der NATO als „seltsam“ und argumentierte, die USA hätten enorme Summen für den Schutz der NATO-Staaten ausgegeben, ohne daraus einen Nutzen zu ziehen.
Neben der Kritik hat die US-Regierung auch Druck ausgeübt, indem sie Pläne ankündigte, einen Teil der in Deutschland stationierten Truppen abzuziehen, Streitkräfte in andere Länder zu verlegen und Sicherheitsverpflichtungen in Europa zu reduzieren. Washington hat sogar damit gedroht, aus der NATO auszutreten.
Charles Kupchan, Professor für Internationale Beziehungen an der Georgetown University in den USA, stellt fest:
„Sollte Donald Trump die USA aus der NATO austreten lassen, wäre das ein geopolitisches Erdbeben. Es würde das Bündnis zerstören, das die westliche Welt in vielerlei Hinsicht seit ihrer Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hat. Und es ist nicht nur ein Militärbündnis. Es ist ein politisches Bündnis, eine Institution, die gemeinsame Interessen, gemeinsame Werte und ein gemeinsames Ziel widerspiegelt.“
Um die Spannungen mit Washington abzubauen, kündigten viele NATO-Mitgliedstaaten die Erhöhung ihrer Verteidigungsausgaben und die Stärkung ihrer Autonomie an, um die finanzielle Last mit den USA zu teilen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, Deutschland werde im Jahr 2029 das Ziel, 3,5 Prozent des BIP für Verteidigung aufzuwenden, erreichen und diesen Anteil anschließend auf 5 Prozent erhöhen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte bekräftigte, dass die NATO-Mitglieder ihre weitreichenden Verbindungen in der Verteidigungsindustrie ausbauen. Er hob zudem weiterhin die „entscheidende Rolle“ der USA hervor, nicht nur im Hinblick auf die Zukunft der NATO, sondern auch im Kontext zahlreicher internationaler Beziehungen angesichts der gegenwärtigen globalen Instabilität.
NATO 3.0 gestalten
Eine weitere große Herausforderung für die USA und ihre NATO-Verbündeten, insbesondere die europäischen Mitglieder, besteht darin, eine neue NATO für die Zukunft zu gestalten, die als NATO 3.0 bezeichnet wird. Beobachtern zufolge bemisst sich die Stärke der NATO jetzt an mehr als nur der Menge an militärischer Ausrüstung oder Truppen. Noch wichtiger ist, dass die NATO Wege finden muss, sich an neue Formen der Kriegsführung anzupassen, einschließlich der Integration von künstlicher Intelligenz (KI) und autonomen Systemen (wie kostengünstigen unbemannten Luftfahrzeugen) in Kampfsysteme, und der Reaktion auf nicht-traditionelle Sicherheitsherausforderungen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte räumt ein:
„US-Kriegsminister Hegseth hat die Notwendigkeit einer „NATO 3.0“ sowie einer Umgestaltung des Bündnisses für das moderne Zeitalter sehr deutlich gemacht. Darin sind wir uns alle einig. Wir müssen offen und ehrlich miteinander sprechen. Dieses Bündnis durchläuft einen gewaltigen Wandel, wahrscheinlich den größten seiner Geschichte, um diese NATO 3.0 zu gestalten.“
Militärpolitische Experten gehen davon aus, dass die NATO 3.0 auf mehreren Säulen beruht. Am wichtigsten ist jedoch die Änderung an der vordersten Front: Europa muss seine Autonomie stärken, eigene Entscheidungen treffen und bei europäischen Sicherheitsfragen die Führung übernehmen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz teilt diese Ansicht.
„Die NATO muss europäischer werden, damit sie transatlantisch bleiben kann. Ich finde, das ist eine sehr gute Formulierung. Wir haben in den vergangenen Jahren für unsere eigene Sicherheit zu wenig getan. Das holen wir jetzt nach.“
Bevor der Fokus jedoch auf die NATO 3.0 gerichtet wird, bleibt die interne Solidarität eine große Herausforderung für das Bündnis. Hierbei handelt es nicht nur um den Beziehungen zwischen den USA und anderen Mitgliedern, sondern auch um die Unterstützung für die Ukraine oder den Umgang mit der komplexen Beziehung zum Gastland Türkei.
